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Toeffee
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Fotojournalismus

Beitrag von Toeffee » 03 Mai 2008, 17:48

Hier mal ein Interview mit einem Profis -für alle, die sich für Fotojournalismus interessieren :-)


"Gute Fotos brauchen Herz und Verstand"
Fotojournalisten-Ikone Tom Stoddart im pressetext-Interview

Tom Stoddart, Fotojournalist (Foto: Sony World Photography Awards)
Cannes (pte/03.05.2008/06:20) - Die weltweit besten Fotografen versammelten sich vergangene Woche zur Verleihung der Sony World Photography Awards 2008 in Cannes. In der Jury saß auch der bekannte Fotojournalist Tom Stoddart http://www.tomstoddart.com. Stoddart dokumentierte mit seiner Kamera die palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut während der 80er Jahre sowie die Belagerung Sarajevos zwischen 1992 und 1995. Weiters widmete er sich den Massen an Aids-Kranken in Afrika sowie der Hungersnot im Sudan. Nach den Terroranschlägen in New York hielt er die Zerstörung, die Trauer und die Fassungslosigkeit der Menschen vor Ort mit seinen Bildern fest. Im Interview mit pressetext berichtet er, wie man als Fotojournalist die Konfrontation mit Leid und Elend verarbeitet und erklärt, was von der Digitalisierung der Fotografie zu halten ist.

pressetext: Sie sind viel in krisengeschüttelten Gegenden unterwegs und daher oft mit schlimmen Situationen konfrontiert. Wie sehen Sie Ihren Beruf?
Stoddart: Ich denke schon, dass Fotojournalisten den härtesten Job unter den Fotografen haben. Gleichzeitig haben wir aber dasselbe Problem wie alle anderen Fotografen auch. Am Ende müssen wir eine Kamera nehmen und Bilder schießen. Ein Naturfotograf verbringt Stunden, um das passende Motiv zu finden, ich bin eben wochenlang an ungewöhnlichen Orten unterwegs. Wir fangen Bilder von Orten ein, wo ein normaler Mensch nicht hingehen kann. Dadurch können wir einen Eindruck von dem vermitteln, was dort passiert.

pressetext: Wie arbeiten Sie? Wissen sie genau, was sie fotografieren wollen oder sehen Sie sich um und drücken laufend auf den Auslöser?
Stoddart: Als Fotojournalist wird man mit dem Auftrag, Bilder zu machen, in eine bestimmte Region geschickt. Unter diesen Fotografen gibt es natürlich ganz unterschiedliche Charaktere. Auf der einen Seite gibt es Nachrichtenfotografen, die schnell einige Foto schießen und diese innerhalb einiger weniger Minuten ins Netz stellen. Dann gibt es Leute wie mich, die anreisen und mit ihrer Kamera quasi ein Puzzle aus 40 Bildern zusammenstellen. Ich sehe mich folglich eher als Autor in Bildern, mit denen erzählt wird, was vor Ort passiert.

pressetext: Haben Sie in solchen Situationen manchmal das Gefühl, aufdringlich zu sein? Kommt man sich dabei als Eindringling vor?
Stoddart: Nein, denn eines der wichtigsten Dinge für einen Fotojournalisten ist es zu erkennen, warum man dort ist. Man muss wissen und fühlen, dass die Arbeit einen Wert hat. Wenn man bei einem Auftrag denkt, das Ergebnis sei reiner Voyeurismus, dann gibt es auch keinen Grund, ihn anzunehmen. Andererseits darf man sich bei der Arbeit auch nicht als Entwicklungshelfer sehen, sondern muss sich vor Augen halten, dass man Fotograf ist. Das wusste ich bei meiner Arbeit immer, wenn ich auch nie vergessen habe, dass ich dennoch ein Mensch bin, der in akuten Notfällen helfen muss.

pressetext: Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Bildern die Welt verändern können?
Stoddart: Es gibt natürlich Fotografen, die sich selbst sehr wichtig nehmen und glauben, sie können die Welt verändern. Das ist aber Unsinn. Ich bin der Auffassung, dass die Fotografie gemeinsam mit dem Fernsehen und den Printmedien etwas verändern kann und dafür gibt es viele Beispiele. Hätte es die Fotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib nicht gegeben, dann wäre es nie dazu gekommen, dass sich Donald Rumsfeld im TV öffentlich entschuldigt. Die Bilder haben das erst möglich gemacht, denn die Fotografie ist sehr stark. Wobei man dabei anmerken muss, dass diese Bilder von Soldaten gemacht wurden. Leute wie ich würden dorthin nie kommen.

pressetext: Wie hat die Digitalisierung der Fotografie ihre Arbeit verändert?
Stoddart: Für mich hat sich gar nichts verändert, ich arbeite nach wie vor in traditioneller Weise mit Schwarz/Weiß-Fotos.

pressetext: Warum? Mögen Sie digitale Bilder nicht?
Stoddart: Ich mag digitale Bilder, aber ich möchte anders sein. Man muss anders sein in diesem Geschäft. Ich bin nun seit 36 Jahren Fotograf, warum sollte ich umsteigen? Wichtig ist, dass man Fotos mit Verstand und Herz macht. Die Kamera ist eigentlich nur eine Box mit einem Loch. Es ist egal, ob sie digital oder mit Film funktioniert, es ist auch irrelevant ob es eine Sony, Canon oder Leica ist. Das macht ein Foto nicht aus. Digitale Kameras bieten lediglich eine neue Art, Fotos zu machen. Wenn diese Art für einen Fotografen gut funktioniert, finde ich das in Ordnung. Für mich gilt das aber nicht.

pressetext: Viele Zeitung fordern derzeit ihre Leser dazu auf, Fotos von lokalen Geschehnissen einzusenden und bezahlen bei Veröffentlichung auch Honorar. Sehen Sie darin ein Problem oder eine Gefahr für Fotoprofis?
Stoddart: Nein, eine Gefahr für die professionelle Fotografie sehe ich nicht. Die Profis müssen einfach besser sein. Natürlich ist es vor allem für junge Fotografen sehr hart, wenn hier Konkurrenz von Amateuren kommt. Allerdings haben die Zeitungen auch früher interessante Fotos gekauft - unabhängig davon, wer sie gemacht hat. Das Problem sehe ich auf einer anderen Ebene: Wenn ich mit meinen zwei Leicas die Straße entlang gehe und Fotos mache, bin ich erkennbar. Bin ich allerdings nur mit einer Handykamera ausgerüstet, kann niemand Notiz von mir nehmen. Die Menschen sind heutzutage sehr skeptisch und haben Angst, die Fotos könnten missbräuchlich verwendet werden und auf der anderen Seite haben es Amateure oft leichter. Die Fotos von Feuerwehrleuten am Ground Zero in New York wurden oft mit Handykameras von Leuten gemacht, die dort Wasser an die Helfer verteilten. Als Profi-Fotograf wurde man dort gar nicht vorgelassen.

pressetext: Heute kann also jeder ein Fotojournalist sein?
Stoddart: Jeder kann schreiben - viele schreiben einige Zeilen, andere Romane. Genauso ist es bei der Fotografie. Viele machen Schnappschüsse, wenige dafür wirklich gute Fotoserien.

pressetext: Vielen Dank für das Gespräch. (Ende)
Der kürzeste Weg zu dir selbst führt einmal um die Welt. :meuh:

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Re: Fotojournalismus

Beitrag von Shentao » 03 Mai 2008, 19:15

(Foto-)Journalist zu sein kann aber auch sehr Gefährlich sein vor allem in Krisengebieten. Nicht wenige geraten leider zu oft ins Kreuzfeuer der Kugeln und Bomben.

Jedesmal wenn ich Bilder (egal in welcher Form) von Kriegs- und Katastrophengebieten sehe bekomme ich auch sehr viel Respekt für die Person vor der Kamera.
"Müde ging ich auf rauem Steg,
da kroch ein Käfer mir in den Weg
zertreten wollt ichs, den Tod ihm geben
da dacht ich an dich und trat daneben."

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